Donnerstag, 9. Oktober 2014

Der Alltag stellt sich ein..

Hallo ihr lieben! Mittlerweile bin ich schon seit über 3 Wochen in San Jose – und kann es gar nicht glauben! Zum einen kommt es mir vor als wär ich schon ewig hier, zum andern ist trotzdem immer noch vieles neu und jeder Tag stellt wieder ein neues kleines Abenteuer dar. 
Unter der Woche steh ich zusammen mit meinen Kids um 6 Uhr auf. Dann heißts erstmal: Putzen!! Große Freude meinerseits..:D 
Jedes Kind hat seine Aufgabe, Marco z.B. ist immer für den Abwasch vom vorigen Tag und überhaupt für die Küche zuständig, Nathalia putzt das Esszimmer, Eduardo und Jackson die Klos.. Ich habe mittlerweile auch eine Beschäftigung für mich gefunden, ich darf meistens die Pflanzen im Garten gießen J 
Danach gibt’s Frühstück, bei den Kids muss das meistens sehr schnell gehen, da um viertel nach 7 die Schule losgeht und sie zu spät dran sind. Ich habe noch ein paar Minuten mehr Zeit, bei mir beginnt die Arbeit erst um 5 vor halb 8. Dann treffe ich mich mit Sarah und zusammen gehen wir von Haus zu Haus und sammeln die Kindergartenkinder ein. Dabei wird immer schön laut „Al Kinder“ (zum Kindergarten) gerufen, während man von der einen und anderen Tia dafür ausgelacht wird ;) Wenn wir es dann endlich geschafft haben alle Kinder auf einem Haufen zu haben heißt es Zweierreihen zu bilden und los gehts im Gänsemarsch ca. eine viertel Stunde zum Kindergarten. Mit 11 kleinen Kindern ist das gar nicht so einfach, weil natürlich alles andere viel interessanter ist als brav, Hand in Hand den Weg entlang zu gehen. Zum Beispiel Müll einsammeln (die Lieblingsbeschäftigung der Kinder!), irgendwelchen Leuten die Hand geben, aus der Reihe laufen oder einfach nur sich alle zwei Sekunden bücken um Sand aufzuheben. Was aber wirklich süß ist, ist das die Kinder sich jedes Mal wieder total freuen uns zu sehen und unbedingt an unserer Hand gehen wollen. Auch plappern sie dann den ganzen Weg auf dich ein, nach dem dritten "Como?“ (Wie?) habe ich es mir angewöhnt einfach zu nicken und so zu tun als würd ich alles verstehen :D  
Nachdem wir alle Kinder heil in den Kindergarten gebracht haben, haben wir erst einmal ein wenig freie Zeit bis wir um viertel vor 11 wieder losmüssen um die Kids abzuholen. Dadurch dass es in meinem Casa zwei kleinere Kinder gibt (Franz und Gabriel), die noch nicht im Kindergarten sind, hab ich diese Zeit mal mehr mal weniger für mich. Meistens hocke ich mich mit meinen Lernsachen in die Nähe der Kids, damit ich ein bisschen nebenbei auf sie aufpassen kann, wen meine Tia z.B. weg muss. Oder spiele mit ihnen wenn ich die spanische Grammatik einfach nicht mehr sehen kann :D 
Später helfe ich meiner Tia dann beim Kochen mit kurzer Unterbrechung um die Kleinen vom Kindergarten abzuholen. Der Rückweg läuft ähnlich ab wie der Hinweg, nur kommt hier die Schwierigkeit hinzu im Kindergarten alle Kinder zu finden, die mit nach Hause müssen ;) Bis jetzt haben wir jedoch zum Glück noch kein Kind dort vergessen, meine heimliche Angst :D 
Nach dem Mittagessen heißt es für die Kinder wieder Putzen, ich darf mich jedoch in mein Zimmer zur „Erholung“  zurückziehen. Ich nehme mir meistens vor nur kurz zu schlafen und anschließend noch etwas sinnvolles zu machen, wie Blogeintrag schreiben, Nachrichten zu beantworten oder Wäsche zu waschen, am Ende kann ich mich aber meistens doch nicht überreden aufzustehen und schlafe bis um 3 ;) Ohne diese Siesta würde ich den Tag aber einfach nicht durchhalten, ich bin hier einfach immer so müde, das ist der Wahnsinn. Sarah und ich glauben dass es an der Hitze liegt, ich hoffe auf jeden Fall dass es mit der Zeit besser wird! Ich komme mir schon immer ein wenig dumm vor, ich stehe zusammen mit meinen Kindern auf, schlafe im Gegensatz zu ihnen mittags und trotzdem geh ich meistens abends früher ins Bett als sie :D Ich frag mich echt wo sie diese Energie hernehmen! 
Ab 3 Uhr sollen die Kinder dann ihre Hausaufgaben machen und ich versuche so gut wie ich kann zu helfen. Bis jetzt ist das leider noch nicht viel, aber ich kann einfach noch nicht gut genug Spanisch um wirklich viel helfen zu können.  Nur bei Mathe geht das, ich habe jetzt schon öfters mit Carlos die Multiplikation bis hundert geübt, jedes Mal wieder eine Geduldsprobe. Dabei ist mir genau wie auch bei Laura, die ich in Geografie ausgefragt habe, aufgefallen, dass die Kinder hier meist nur einfach stur auswendig lernen ohne überhaupt den Sinn dahinter zu verstehen. Wie viel das dann wirklich bringt ist die Frage..
Da ich in meinem Casa nicht immer so viel helfen kann, gehe ich öfters nachmittags in die Escuelita. Das ist eine Nachmittagsnachhilfe für die Kleineren. Von 3 bis 4 sind die ganz kleinen, die Kindergartenkinder (!!) dran, bis halb 6 ca. dann die größeren bis 2/3 Klasse. In dem Raum befinden sich oft mehr als 10 Kinder, mit nur einer Lehrerin, da sind Sarah und Ich immer willkommen zu helfen, ob wir nun bei den Aufgaben helfen oder einfach nur schauen, dass alles einigermaßen ruhig ist und gearbeitet wird.
Die Abende verbringe ich meistens auf der Chanca, dem Sportplatz der Aldea. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag kommt ein Sportlehrer und von 7 bis 9 (ab 8 die größeren) wird Basketball  und Fußball trainiert. An den anderen Tagen „gehört“ der Sportplatz den Jungs der Jungenresidenz (hier kommen die Jungs der Aldea ab 14 Jahren hin), wir spielen meistens trotzdem Fußball oder Volleyball auf der Wiese daneben. Das macht echt wahnsinnig Spaß, auch wenn wir im Gegensatz zu den Kleinen wahnsinnig schlecht spielen. Aber wir haben jetzt ja ein Jahr Zeit um unsere Künste zu verbessern ;D Manchmal spielen auch ein paar von den jüngeren Tias (unter anderem meine) mit und man merkt wie gut ihnen das tut sich mal so richtig auspowern zu können. Sarah und ich sind nach dem Spielen auch jedes Mal total fertig. Ein paar Mal waren wir jetzt auch schon joggen, einfach geradeaus, der Straße folgend ins Nichts, die Musikbox in der Hand, das ist wirklich genial!! Man muss nur schauen, dass man nicht zu spät losläuft, um halb 7 wird es nämlich auf einen Schlag stockfinster. Ich versuche jedes Mal aufs Neue den Moment abzupassen an dem es dunkel wird, aber eine Dämmerung gibt es hier irgendwie nicht, im einem Moment ist es noch hell im nächsten plötzlich dunkel.
Abendessen gibt es meist erst nachdem das Licht auf dem Sportplatz ausgegangen ist, also um 9 Uhr, dann heißt es Schlafenszeit für die Aldea. Die Realität in den Casas schaut ein wenig anders aus, zum einen muss erst noch gegessen werden, zum anderen schauen meine Kinder danach oft noch einen Film an. Dass sie erst gegen 11 ins Bett kommen ist keine Seltenheit. Das mit dem Fernsehschauen ist auf jeden Fall in meinem Casa wirklich schlimm, die Kinder dürfen jeden Tag Filme angucken und nicht nur abends sondern meist auch mittags.
An den Abenden machen Sarah und ich öfters etwas mit Ivan. Er ist als Kind in der Aldea aufgewachsen und lebt jetzt wieder hier. Mit ihm verstehen wir uns super und das tolle ist, dass er total offen ist und von sich aus auf uns zugekommen ist. Durch ihn haben wir schon wirklich viel über die Aldea erfahren und auch San Jose schon besser kennen gelernt. Wir haben uns schon öfters am Abend für 2 Stunden auf die Plaza (den zentralen Dorfplatz) gehockt, Saft getrunken und einfach geredet. Zwar verstehen wir nicht immer alles (vor allem ich nicht :D) aber irgendwie klappt es dann doch immer und das Gute ist, dass er uns auch immer verbessert wenn wir was grammatikalisch falsches sagen (meistens ich :P).  Ich lebe hier überhaupt nach dem Prinzip, lieber totalen Schwachsinn zusammenreden als gar nichts. Nur weil ich die Sprache kaum kann, werde ich nicht aufhören zu reden, dazu mache ich das einfach viel zu gern :D 
Überhaupt die Sprache.. es kommt immer ganz darauf an, mit wem man redet, wenn sich der Gegenüber bemüht kann ich mich mittlerweile eigentlich echt schon gut unterhalten. Ich habe jetzt z.B. schon öfters länger mit meiner Tia geredet, was wirklich schön und vor allem interessant ist! Mit den Kids ist das schon schwieriger. Ich weiß immerhin immer, wenn sie irgendeinen Blödsinn auf meine Kosten sagen (meistens Jackson, der älteste), nur was versteh ich leider nicht, was mich sehr nervt. Ich glaube manchmal will ich aber gar nicht wissen, was sie alles sagen :P
Mit meiner Tia verstehe ich mich mittlerweile echt gut! Letztens war in der Sporthalle der Aldea eine politische Veranstaltung (sie wird für solche Zwecke öfters vermietet) und abends gab es Musik und Tanz und Sarah und ich sind zusammen mit meiner Tia und noch 2 anderen jüngeren Tias (die eine ist erst 22 Jahre alt!!) hingegangen. Das war wirklich lustig und hier hat man auch gemerkt wie jung sie alle noch sind. Ich habe mich darüber letztens ein wenig mit meiner Tia unterhalten, sie ist auch erst seit 10 Monaten hier und ich habe sie gefragt ob es nicht schwierig ist, weil man doch als „Tia“ so viel aufgeben muss und nur sehr wenige Freiheiten hat. Tia zu sein ist quasi ein 24 Stundenjob und mit meist 10 Kindern unterschiedlichstem Alter echt nicht ohne. Pro Monat hat jede Tia 4 freie Tage, aber abends zum Beispiel einmal tanzen zu gehen ist nicht möglich. Sie hat gemeint, dass das natürlich manchmal schwierig ist und sie z.B. vermisst vor allem das Tanzen, aber sie hat hier ein sicheres Haus, einen Job, jeden Tag Essen.. Und was ein großer Vorteil ist, ist das man sein Kind immer im Auge haben kann, was bei den meisten anderen Jobs nicht möglich ist. Fast jede Tia hat hier ein eigenes Kind, das sie mit ins Casa bringt.
Dadurch dass wir mit unserem Casa zusammenleben haben wir natürlich auch an den Wochenenden nicht wirklich frei. Samstagvormittag ist immer großer Putztag, meist wird gegen halb 7/7 aufgestanden und dann heißt es Putzen, Putzen, Putzen.. Ich habe die ehrenvolle Aufgabe die Wände von Spinnenweben zu befreien :D
Auch am Sonntag bin ich bis jetzt immer mit meinen Kids um 8 Uhr aufgestanden. Da werde ich aber wahrscheinlich noch einmal mit meiner Tia reden, einmal die Woche ausschlafen hätte schon etwas ;))
Das Besondere an Bolivien sind die vielen  vielen Feiertage die es hier gibt! Letztens wurde der „Dia de Estudiante“ gefeiert, gleichzeitig aber auch der Frühlingsanfang. Da der Feiertag auf einen Sonntag fiel, gab es zwar kein Schulfrei, dafür aber Montags Feste in der Schule und auch in der Aldea haben wir am Sonntagnachmittag ein wenig gefeiert. Jedes Haus hat einen Tisch auf dem Sportplatz aufgestellt, Essen mitgebracht und dann wurden die besten Schüler der Aldea geehrt und Spiele wurden veranstaltet. Wir haben Empanadas de Queso und de Pollo (das sind gefüllte Teigtaschen) und Pizza gemacht (ich hatte mir zum Glück vorher noch das Rezept schicken lassen!). Der Höhepunkt des Abends war dann die Wahl zur Primavera. Aus jedem Haus wurde ein Mädchen ausgewählt, dass dann zunächst in einem traditionellem Gewand und dann in einem schicken Kleid eine Art Modenschau gelaufen ist. Anschließend hat die Jury die Königin gewählt. Alles sehr kitschig aber auch das ist typisch bolivianisch. Dannach wurde Musik angemacht und wir haben getanzt, das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und das Schöne war, dass am Schluss nicht nur die Kleinen (und Sarah und ich :D) sondern auch die älteren Mädchen und Jungs der Aldea mitgemacht haben.
Am Mittwoch vor einer Woche war der Tag des Bundeslandes Santa Cruz, schon am Dienstagabend gab es auf der Plaza Märsche der verschiedenen Schulen und Reden. Da an diesem Tag keine Schule stattfand haben Sarah und ich am Nachmittag ein paar Spiele mit den Kids veranstaltet, Apfel und Orangentauschen, Wäscheklammerfangen und Capture the Flagg. Den Kindern hat es total Spaß gemacht, wir wurden daraufhin immer wieder gelöchert wann wir denn das nächste Mal wieder spielen.
Unseren ersten „Té de Tias“ haben Sarah und Ich auch schon erfolgreich hinter uns gebracht. Dies ist ein Projekt, das Freiwillige vor mehreren Jahren in der Aldea eingeführt haben und das seitdem immer weiter geführt wurde. Einmal im Monat werden alle Tias von uns eingeladen und bekommen selbstgebackenen Kuchen und Tee serviert. Dies soll ihnen die Möglichkeit bieten ein wenig „Auszeit“ zu haben, miteinander plaudern zu können und bietet natürlich auch uns die Chance mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sarah und Ich hatten wahnsinnige Angst davor, weil wir natürlich auch am Anfang etwas sagen mussten aber es hat alles super geklappt und von unseren drei Kuchen war danach nichts mehr übrig :D
Die letzte Woche habe ich zum größten Teil in meinem Bett verbracht. Es ist scheinbar Tradition der Freiwilligen am Anfang erst mal krank zu sein und da mich Traditionen schon immer fasziniert haben, hab ich da gleich mitgemacht und mir Parasiten geholt. Das Krankenhaus habe ich so auch mal kennen lernen dürfen :D Ich lag also eine Woche flach und habe mich größtenteils von Salzkeksen, Sopita Blanca (Suppe mit bissl Gemüse, Kartoffeln, Reis) und irgendwelchen giftblauen Power-Getränken ernährt. Jetzt geht’s mir aber wieder gut und ich freue mich darauf endlich wieder etwas machen zu können!!

Mit dem Internet ist es nach wie vor schwierig! Mal funktioniert der Internetstick gar nicht, dann nur total stockend und manchmal ist das draufgeladene Geld auch einfach aus für uns unsersichtlichen Gründen weg. Deswegen kann ich viele Nachrichten und Emails immer erst viel später beantworten, was mir wahnsinnig leid tut!! Ich habe mir jedoch jetzt eine bolivianische SIMcard für mein Handy gekauft und hoffe, dass ich es schaffe Internet darauf zu bekommen. Dann wird sich das mit dem Nachrichtenbeantworten hoffentlich bessern!! 
Ich freue mich auf jeden Fall trotzdem wahnsinnig über alle Emails und Nachrichten und werde auch alle beantworten, es dauert nur vielleicht ein wenig länger was mir echt leid tut! ;)


Ansonsten gehts mir hier wirklich super!! Ich fühle mich wahnsinnig wohl hier und auch daran, dass ich jetzt mit im Haus lebe habe ich mich komplett gewöhnt und würde es auch gar nicht mehr ändern wollen! Nur mit der Hitze hab ich nach wie vor ein wenig zu kämpfen – mittags ist das einfach kaum auszuhalten. Aber auch das gehört irgendwie dazu und wenn es kalt wäre würde ich mich wahrscheinlich auch beschweren :D Ich bin echt total froh hier zu sein und würde um keinen Preis weg wollen!! Wenn ich mir überlege wie enttäuscht ich am Anfang war, dass ich nicht nach Brasilien kann und jetzt bin ich hier einfach nur glücklich!