Hallo ihr lieben! Mittlerweile bin ich schon seit über 3
Wochen in San Jose – und kann es gar nicht glauben! Zum einen kommt es mir vor
als wär ich schon ewig hier, zum andern ist trotzdem immer noch vieles neu und
jeder Tag stellt wieder ein neues kleines Abenteuer dar.
Unter der Woche steh
ich zusammen mit meinen Kids um 6 Uhr auf. Dann heißts erstmal: Putzen!! Große
Freude meinerseits..:D
Jedes Kind hat seine Aufgabe, Marco z.B. ist immer für
den Abwasch vom vorigen Tag und überhaupt für die Küche zuständig, Nathalia
putzt das Esszimmer, Eduardo und Jackson die Klos.. Ich habe mittlerweile auch
eine Beschäftigung für mich gefunden, ich darf meistens die Pflanzen im Garten
gießen J
Danach gibt’s Frühstück, bei den Kids muss das meistens sehr schnell gehen, da
um viertel nach 7 die Schule losgeht und sie zu spät dran sind. Ich habe noch
ein paar Minuten mehr Zeit, bei mir beginnt die Arbeit erst um 5 vor halb 8.
Dann treffe ich mich mit Sarah und zusammen gehen wir von Haus zu Haus und
sammeln die Kindergartenkinder ein. Dabei wird immer schön laut „Al Kinder“
(zum Kindergarten) gerufen, während man von der einen und anderen Tia dafür
ausgelacht wird ;) Wenn wir es dann endlich geschafft haben alle Kinder auf
einem Haufen zu haben heißt es Zweierreihen zu bilden und los gehts im
Gänsemarsch ca. eine viertel Stunde zum Kindergarten. Mit 11 kleinen Kindern
ist das gar nicht so einfach, weil natürlich alles andere viel interessanter
ist als brav, Hand in Hand den Weg entlang zu gehen. Zum Beispiel Müll
einsammeln (die Lieblingsbeschäftigung der Kinder!), irgendwelchen Leuten die
Hand geben, aus der Reihe laufen oder einfach nur sich alle zwei Sekunden
bücken um Sand aufzuheben. Was aber wirklich süß ist, ist das die Kinder sich
jedes Mal wieder total freuen uns zu sehen und unbedingt an unserer Hand gehen
wollen. Auch plappern sie dann den ganzen Weg auf dich ein, nach dem dritten
"Como?“ (Wie?) habe ich es mir angewöhnt einfach zu nicken und so zu tun
als würd ich alles verstehen :D
Nachdem
wir alle Kinder heil in den Kindergarten gebracht haben, haben wir erst einmal
ein wenig freie Zeit bis wir um viertel vor 11 wieder losmüssen um die Kids
abzuholen. Dadurch dass es in meinem
Casa zwei kleinere Kinder gibt (Franz und Gabriel), die noch nicht im
Kindergarten sind, hab ich diese Zeit mal mehr mal weniger für mich. Meistens
hocke ich mich mit meinen Lernsachen in die Nähe der Kids, damit ich ein
bisschen nebenbei auf sie aufpassen kann, wen meine Tia z.B. weg muss. Oder
spiele mit ihnen wenn ich die spanische Grammatik einfach nicht mehr sehen kann
:D
Später helfe ich meiner Tia dann beim Kochen mit kurzer Unterbrechung um die
Kleinen vom Kindergarten abzuholen. Der Rückweg läuft ähnlich ab wie der
Hinweg, nur kommt hier die Schwierigkeit hinzu im Kindergarten alle Kinder zu
finden, die mit nach Hause müssen ;) Bis jetzt haben wir jedoch zum Glück noch
kein Kind dort vergessen, meine heimliche Angst :D
Nach dem Mittagessen heißt
es für die Kinder wieder Putzen, ich darf mich jedoch in mein Zimmer zur
„Erholung“ zurückziehen. Ich nehme mir
meistens vor nur kurz zu schlafen und anschließend noch etwas sinnvolles zu
machen, wie Blogeintrag schreiben, Nachrichten zu beantworten oder Wäsche zu
waschen, am Ende kann ich mich aber meistens doch nicht überreden aufzustehen
und schlafe bis um 3 ;) Ohne diese Siesta würde ich den Tag aber einfach nicht
durchhalten, ich bin hier einfach immer so müde, das ist der Wahnsinn. Sarah
und ich glauben dass es an der Hitze liegt, ich hoffe auf jeden Fall dass es
mit der Zeit besser wird! Ich komme mir schon immer ein wenig dumm vor, ich
stehe zusammen mit meinen Kindern auf, schlafe im Gegensatz zu ihnen mittags
und trotzdem geh ich meistens abends früher ins Bett als sie :D Ich frag mich
echt wo sie diese Energie hernehmen!
Ab 3 Uhr sollen die Kinder dann ihre
Hausaufgaben machen und ich versuche so gut wie ich kann zu helfen. Bis jetzt
ist das leider noch nicht viel, aber ich kann einfach noch nicht gut genug
Spanisch um wirklich viel helfen zu können.
Nur bei Mathe geht das, ich habe jetzt schon öfters mit Carlos die
Multiplikation bis hundert geübt, jedes Mal wieder eine Geduldsprobe. Dabei ist
mir genau wie auch bei Laura, die ich in Geografie ausgefragt habe,
aufgefallen, dass die Kinder hier meist nur einfach stur auswendig lernen ohne
überhaupt den Sinn dahinter zu verstehen. Wie viel das dann wirklich bringt ist die Frage..
Da ich in meinem Casa nicht immer so
viel helfen kann, gehe ich öfters nachmittags in die Escuelita. Das ist eine
Nachmittagsnachhilfe für die Kleineren. Von 3 bis 4 sind die ganz kleinen, die
Kindergartenkinder (!!) dran, bis halb 6 ca. dann die größeren bis 2/3 Klasse. In
dem Raum befinden sich oft mehr als 10 Kinder, mit nur einer Lehrerin, da sind
Sarah und Ich immer willkommen zu helfen, ob wir nun bei den Aufgaben helfen
oder einfach nur schauen, dass alles einigermaßen ruhig ist und gearbeitet
wird.
Die Abende verbringe ich meistens auf der Chanca, dem
Sportplatz der Aldea. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag kommt ein Sportlehrer
und von 7 bis 9 (ab 8 die größeren) wird Basketball und Fußball trainiert. An den anderen Tagen
„gehört“ der Sportplatz den Jungs der Jungenresidenz (hier kommen die Jungs der
Aldea ab 14 Jahren hin), wir spielen meistens trotzdem Fußball oder Volleyball
auf der Wiese daneben. Das macht echt wahnsinnig Spaß, auch wenn wir im Gegensatz
zu den Kleinen wahnsinnig schlecht spielen. Aber wir haben jetzt ja ein Jahr
Zeit um unsere Künste zu verbessern ;D Manchmal spielen auch ein paar von den
jüngeren Tias (unter anderem meine) mit und man merkt wie gut ihnen das tut
sich mal so richtig auspowern zu können. Sarah und ich sind nach dem Spielen
auch jedes Mal total fertig. Ein paar Mal waren wir jetzt auch schon joggen,
einfach geradeaus, der Straße folgend ins Nichts, die Musikbox in der Hand, das
ist wirklich genial!! Man muss nur schauen, dass man nicht zu spät losläuft, um
halb 7 wird es nämlich auf einen Schlag stockfinster. Ich versuche jedes Mal
aufs Neue den Moment abzupassen an dem es dunkel wird, aber eine Dämmerung gibt
es hier irgendwie nicht, im einem Moment ist es noch hell im nächsten plötzlich
dunkel.
Abendessen gibt es meist erst nachdem das Licht auf dem
Sportplatz ausgegangen ist, also um 9 Uhr, dann heißt es Schlafenszeit für die
Aldea. Die Realität in den Casas schaut ein wenig anders aus, zum einen muss
erst noch gegessen werden, zum anderen schauen meine Kinder danach oft noch
einen Film an. Dass sie erst gegen 11 ins Bett kommen ist keine Seltenheit. Das
mit dem Fernsehschauen ist auf jeden Fall in meinem Casa wirklich schlimm, die
Kinder dürfen jeden Tag Filme angucken und nicht nur abends sondern meist auch
mittags.
An den Abenden machen Sarah und ich öfters etwas mit Ivan.
Er ist als Kind in der Aldea aufgewachsen und lebt jetzt wieder hier. Mit ihm
verstehen wir uns super und das tolle ist, dass er total offen ist und von sich
aus auf uns zugekommen ist. Durch ihn haben wir schon wirklich viel über die
Aldea erfahren und auch San Jose schon besser kennen gelernt. Wir haben uns
schon öfters am Abend für 2 Stunden auf die Plaza (den zentralen Dorfplatz)
gehockt, Saft getrunken und einfach geredet. Zwar verstehen wir nicht immer
alles (vor allem ich nicht :D) aber irgendwie klappt es dann doch immer und das
Gute ist, dass er uns auch immer verbessert wenn wir was grammatikalisch
falsches sagen (meistens ich :P). Ich
lebe hier überhaupt nach dem Prinzip, lieber totalen Schwachsinn zusammenreden
als gar nichts. Nur weil ich die Sprache kaum kann, werde ich nicht aufhören zu
reden, dazu mache ich das einfach viel zu gern :D
Überhaupt die Sprache.. es
kommt immer ganz darauf an, mit wem man redet, wenn sich der Gegenüber bemüht
kann ich mich mittlerweile eigentlich echt schon gut unterhalten. Ich habe
jetzt z.B. schon öfters länger mit meiner Tia geredet, was wirklich schön und
vor allem interessant ist! Mit den Kids ist das schon schwieriger. Ich weiß
immerhin immer, wenn sie irgendeinen Blödsinn auf meine Kosten sagen (meistens
Jackson, der älteste), nur was versteh ich leider nicht, was mich sehr nervt.
Ich glaube manchmal will ich aber gar nicht wissen, was sie alles sagen :P
Mit meiner Tia verstehe ich mich mittlerweile echt gut! Letztens
war in der Sporthalle der Aldea eine politische Veranstaltung (sie wird für
solche Zwecke öfters vermietet) und abends gab es Musik und Tanz und Sarah und
ich sind zusammen mit meiner Tia und noch 2 anderen jüngeren Tias (die eine ist
erst 22 Jahre alt!!) hingegangen. Das war wirklich lustig und hier hat man auch
gemerkt wie jung sie alle noch sind. Ich habe mich darüber letztens ein wenig
mit meiner Tia unterhalten, sie ist auch erst seit 10 Monaten hier und ich habe
sie gefragt ob es nicht schwierig ist, weil man doch als „Tia“ so viel aufgeben
muss und nur sehr wenige Freiheiten hat. Tia zu sein ist quasi ein 24
Stundenjob und mit meist 10 Kindern unterschiedlichstem Alter echt nicht ohne. Pro
Monat hat jede Tia 4 freie Tage, aber abends zum Beispiel einmal tanzen zu
gehen ist nicht möglich. Sie hat gemeint, dass das natürlich manchmal schwierig
ist und sie z.B. vermisst vor allem das Tanzen, aber sie hat hier ein sicheres
Haus, einen Job, jeden Tag Essen.. Und was ein großer Vorteil ist, ist das man
sein Kind immer im Auge haben kann, was bei den meisten anderen Jobs nicht
möglich ist. Fast jede Tia hat hier ein eigenes Kind, das sie mit ins Casa
bringt.
Dadurch dass wir mit unserem Casa zusammenleben haben wir
natürlich auch an den Wochenenden nicht wirklich frei. Samstagvormittag ist
immer großer Putztag, meist wird gegen halb 7/7 aufgestanden und dann heißt es
Putzen, Putzen, Putzen.. Ich habe die ehrenvolle Aufgabe die Wände von Spinnenweben
zu befreien :D
Auch am Sonntag bin ich bis jetzt immer mit meinen Kids um 8
Uhr aufgestanden. Da werde ich aber wahrscheinlich noch einmal mit meiner Tia
reden, einmal die Woche ausschlafen hätte schon etwas ;))
Das Besondere an Bolivien sind die vielen vielen Feiertage die es hier gibt! Letztens
wurde der „Dia de Estudiante“ gefeiert, gleichzeitig aber auch der
Frühlingsanfang. Da der Feiertag auf einen Sonntag fiel, gab es zwar kein
Schulfrei, dafür aber Montags Feste in der Schule und auch in der Aldea haben
wir am Sonntagnachmittag ein wenig gefeiert. Jedes Haus hat einen Tisch auf dem
Sportplatz aufgestellt, Essen mitgebracht und dann wurden die besten Schüler
der Aldea geehrt und Spiele wurden veranstaltet. Wir haben Empanadas de Queso
und de Pollo (das sind gefüllte Teigtaschen) und Pizza gemacht (ich hatte mir
zum Glück vorher noch das Rezept schicken lassen!). Der Höhepunkt des Abends
war dann die Wahl zur Primavera. Aus jedem Haus wurde ein Mädchen ausgewählt,
dass dann zunächst in einem traditionellem Gewand und dann in einem schicken
Kleid eine Art Modenschau gelaufen ist. Anschließend hat die Jury die Königin
gewählt. Alles sehr kitschig aber auch das ist typisch bolivianisch. Dannach
wurde Musik angemacht und wir haben getanzt, das hat wahnsinnig viel Spaß
gemacht und das Schöne war, dass am Schluss nicht nur die Kleinen (und Sarah
und ich :D) sondern auch die älteren Mädchen und Jungs der Aldea mitgemacht
haben.
Am Mittwoch vor einer Woche war der Tag des Bundeslandes
Santa Cruz, schon am Dienstagabend gab es auf der Plaza Märsche der
verschiedenen Schulen und Reden. Da an diesem Tag keine Schule stattfand haben
Sarah und ich am Nachmittag ein paar Spiele mit den Kids veranstaltet, Apfel
und Orangentauschen, Wäscheklammerfangen und Capture the Flagg. Den Kindern hat
es total Spaß gemacht, wir wurden daraufhin immer wieder gelöchert wann wir
denn das nächste Mal wieder spielen.
Unseren ersten „Té de Tias“ haben Sarah und Ich auch schon
erfolgreich hinter uns gebracht. Dies ist ein Projekt, das Freiwillige vor
mehreren Jahren in der Aldea eingeführt haben und das seitdem immer weiter
geführt wurde. Einmal im Monat werden alle Tias von uns eingeladen und bekommen
selbstgebackenen Kuchen und Tee serviert. Dies soll ihnen die Möglichkeit
bieten ein wenig „Auszeit“ zu haben, miteinander plaudern zu können und bietet
natürlich auch uns die Chance mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sarah und Ich
hatten wahnsinnige Angst davor, weil wir natürlich auch am Anfang etwas sagen
mussten aber es hat alles super geklappt und von unseren drei Kuchen war danach
nichts mehr übrig :D
Die letzte Woche habe ich zum größten Teil in meinem Bett
verbracht. Es ist scheinbar Tradition der Freiwilligen am Anfang erst mal krank
zu sein und da mich Traditionen schon immer fasziniert haben, hab ich da gleich mitgemacht
und mir Parasiten geholt. Das Krankenhaus habe ich so auch mal kennen lernen
dürfen :D Ich lag also eine Woche flach und habe mich größtenteils von
Salzkeksen, Sopita Blanca (Suppe mit bissl Gemüse, Kartoffeln, Reis) und irgendwelchen giftblauen Power-Getränken ernährt. Jetzt geht’s mir aber wieder gut und ich freue mich
darauf endlich wieder etwas machen zu können!!
Ansonsten gehts mir hier wirklich super!! Ich fühle mich wahnsinnig
wohl hier und auch daran, dass ich jetzt mit im Haus lebe habe ich mich
komplett gewöhnt und würde es auch gar nicht mehr ändern wollen! Nur mit der
Hitze hab ich nach wie vor ein wenig zu kämpfen – mittags ist das einfach kaum
auszuhalten. Aber auch das gehört irgendwie dazu und wenn es kalt wäre würde
ich mich wahrscheinlich auch beschweren :D Ich bin echt total froh hier zu sein
und würde um keinen Preis weg wollen!! Wenn ich mir überlege wie enttäuscht ich
am Anfang war, dass ich nicht nach Brasilien kann und jetzt bin ich hier
einfach nur glücklich!