Da meine Organisation "Die Franziskaner" ihren Freiwilligendienst über Weltwärts anbietet, bin ich dazu verpflichtet in regelmäßigem Abstand Zwischenberichte zu schreiben. Der letzte Bericht soll von einem selbstgewählten Thema handeln, das Bezug zum Gastland hat und unser Interesse geweckt hat.
Wenn auch ihr Interesse habt - Viel Spaß beim Lesen :)
Gutes Kind/ Böses Kind
Kindererziehung in der Aldea de Ninos Padre Alfredo Spiessberger in San Jose de Chiquitos, Bolivien
1. Vorwort
„Mi Mamá me ha hecho réir, me ha secado las lágrimas, me ha abrazado muy
fuerte, me ha visto triunfar, me ha visto fallar, me ha regañado, me ha
consentido, pero me mantiene fuerte. Mi mamá es la promesa de Dios,
de que tendré una amiga para siempre!“
[Meine Mutter bringt mich zum Lachen, trocknet meine
Tränen, umarmt mich, sieht mich triumphieren, sieht mich versagen, schimpft mit
mir, verwöhnt mich und hält mich stark. Meine Mutter ist das Versprechen Gottes,
eine Freundin für immer zu haben!]
Ich finde dieser Spruch beschreibt gut die Aufgaben und
die Verantwortung die eine Mutter, bzw. Eltern allgemein gegenüber ihren
Kindern haben. Wir haben ihn am Muttertag aufgehängt um unseren Dank gegenüber
den Hausmüttern auszudrücken, die Tag für Tag aufs Neue versuchen ihre Aufgaben
und Pflichten als Ersatzmütter so gut wie möglich zu erfüllen.
Doch warum befinden sich die Kinder überhaupt hier und
müssen sich in eine neue Umgebung eingewöhnen, was ist mit ihrer alten Familie
passiert? Wo sind ihre echten Eltern die sich eigentlich um ihre Kinder kümmern
müssten, für die sie die oberste Priorität sein sollten?
Wie weit ist es den Hausmüttern überhaupt möglich den
Kindern eine neue Mutter zu sein, wenn diese von teilweise so erschütternden
Vorgeschichten geprägt sind?
Welches Konzept hat das Kinderdorf entwickelt um seine
Kinder zu möglichst aufrichtigen, ehrenwerten Menschen zu erziehen?
Im Folgenden werde ich versuchen diese Fragen so gut wie
möglich zu beantworten und werde mich dabei sowohl auf verschiedene Gespräche
stützen, die ich im Laufe des vergangenen Jahres hier in der Aldea geführt
habe, als auch auf meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse.
2.1 Motive für die Aufnahme
Zurzeit befinden sich in dem Kinderdorf so um die 80 Kinder. Gerade in den
letzten Wochen sind viele neue dazu gekommen, es haben jedoch auch einige die
Aldea verlassen. Jedes der Kinder hat seine eigene Vergangenheit und Geschichte
zu erzählen, alle haben ihre Gründe hier in dem Kinderdorf leben zu müssen.
Die meisten Kinder kommen im Alter von einigen Monaten in
das Kinderdorf. Allerdings sind viele Kinder bei ihrer Ankunft auch schon
älter, was vor allem bei Geschwistern der Fall ist. Für diese Kinder ist der
Einstieg in das Kinderdorfleben natürlich nochmal um einiges schwieriger.
Eine der häufigsten Ursachen ist - wie es wahrscheinlich
auch in fast allen Kinderdörfern und –Heimen auf der ganzen Welt der Fall ist -
dass sie Voll- oder Teilwaisen sind. Bei vielen Kindern ist ein Elternteil
gestorben und der andere Elternteil war danach nicht mehr in der Lage sich um
die Kinder zu kümmern.
Vernachlässigung ist ein weiterer Grund wieso viele Kinder
hier sind. Oft sind Nachbarn oder Familienangehörige auf die verwaisten Kinder
aufmerksam geworden, haben gemerkt, dass diese nicht mehr regelmäßig zur Schule
gehen, schmutzige Kleidung tragen, schlecht ernährt sind oder geschlagen werden
und die „Defensoria“ (das Jugendamt) benachrichtigt. Diese überprüft dann ob
die Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen und entzieht im schlimmsten Fall
den Eltern die Kinder und bringt sie in ein Kinderheim oder Kinderdorf. Ein
(ehemaliger) Junge aus meinem Haus, Gabriel, wurde zum Beispiel in die Aldea
gebracht, weil die Erzieher der Kinderstätte, die er vormittags besucht hat,
beobachtet haben, dass seine Eltern jedes Mal betrunken waren, wenn sie ihn von
dort abgeholt haben und daraufhin das Jugendamt benachrichtigt haben.
In manchen Fällen geht die Vernachlässigung auch soweit,
dass die Kinder von den Eltern einfach irgendwo abgegeben und anschließend
nicht mehr abgeholt wurden. Von vielen der Kinder fehlen deshalb auch die
Dokumente, wie zum Beispiel die Geburtsurkunde. In diesem Kinderdorf ist das
bei 60% der Fall. Laura, ein Kind aus meinem Haus, hat mir erzählt, dass sie
schon an drei verschiedenen Daten Geburtstag hatte, da dieser immer wieder
geändert wurde, weil das echte Datum unbekannt ist. Das Kinderdorf hat aufgrund
der fehlenden Dokumente auch immer wieder Probleme mit staatlichen
Einrichtungen wie der Schule oder der Krankenversicherung.
Ein Grund kann auch sein, dass die Mutter sich
prostituiert, und Nachbarn auf das Kind aufmerksam geworden sind. In den
meisten dieser Fälle ist der Vater unbekannt, sodass das Kind dann (wenn es
nicht bei anderen Verwandten unterkommen kann) in ein Kinderheim gebracht wird.
Die Psychologin hat mir erzählt, dass dies zurzeit bei einem Kind des
Kinderdorfes der Fall ist.
Eine weitere Ursache für den Aufenthalt der Kinder ist,
dass die Eltern diese eigenständig dem Jugendamt übergeben haben, da sie der
Ansicht waren ihren Kindern kein gutes Leben ermöglichen zu können. Dies ist
ein Grund, der z.B. für Deutschland eher ungewöhnlich ist, der aber auf das
Sozialsystem Boliviens zurückzuführen ist. Anders als in Deutschland gibt es
hier keine Sozialhilfe, die ärmeren Familien unter die Arme greift und ihnen
hilft sich mit dem lebensnotwendigen zu versorgen. Ebenso wenig gibt es
Kindergeld, was eine weitere Hilfe für die Familien bedeuten könnte.
Stattdessen sind die Familien, die oft 5 oder mehr Kinder haben (meine
Hausmutter hat zum Beispiel 10 Geschwister, was hier absolut keine Seltenheit
ist) allein dafür verantwortlich ihre Kinder zu versorgen.
2.2 Kontakt zu "echten" Eltern
Obwohl einige der Kinderheimkinder Waisen sind, haben viele Kinder noch lebende Eltern. Der Großteil von diesen hat keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern, bei einigen ist dies jedoch der Fall. Es ist für die Eltern auch möglich ihre Kinder im Kinderdorf zu besuchen, sie müssen jedoch vorher beim Jugendamt die Erlaubnis dazu erhalten.
So kann leicht ein Konflikt für die Kinder entstehen
zwischen der alten und der neuen Familie. Inwieweit wird in dieser Hinsicht
jedoch mit den Kindern gearbeitet, wird die Grenze gezogen zwischen „echter“
Mama und Ersatzmama? Jedes Kind geht mit dem Wechsel unterschiedlich um, einige
kommen besser damit klar, andere weniger gut. Wir haben zum Beispiel zwei neue
Kindergartenkinder, die beide im gleichen Alter sind und zum gleichen Zeitpunkt
in die Aldea gekommen sind. Der Junge weint fast jeden Tag und redet davon,
dass er zurück zu seiner Mama will. Dem Mädchen hingegen geht es hier super
gut, es redet von „ihrem“ Haus in der Aldea und nennt die Hausmutter schon
Mama.
Vor kurzer Zeit wurde ein neues Gesetz erlassen, das es
den Eltern leichter macht, ihre Kinder wieder aus dem Kinderdorf zu sich zurück
zu holen. Natürlich gibt es auch weiterhin ein langes Verfahren mit vielen
Untersuchungen, wie ob sie genügend Platz für die Kinder haben, einen Job,
„clean“ sind, etc. Aufgrund des Gesetzes konnten in den letzten Monaten einige
Geschwister wieder zu ihren ehemaligen Familien zurückkehren. Vor ca. einem
Monat wurden zum Beispiel 4 Geschwister abgeholt um wieder bei ihren Eltern zu
leben. Natürlich ist es gut, dass die Eltern eine zweite Chance bekommen und
die Kinder die Möglichkeit haben wieder mit ihrer echten Familie
zusammenzuleben. Die Kinder haben jedoch 4 Jahre lang in dem Kinderdorf gelebt
und sich hier ein neues Zuhause aufgebaut gehabt, die kleinste kam als Säugling
hier her und kannte ihre Mutter kaum. Der Direktor hat mir erzählt, dass die
Älteste (13 Jahre), die schon bald nach Santa Cruz in die Mädchenresidenz
gekommen wäre, gar nicht zu ihrer Familie zurück wollte, sondern lieber in dem
Kinderdorf geblieben wäre. Ich frage mich manchmal ob es den Kindern wirklich
so gut tut, wieder einen neuen Wechsel durchmachen zu müssen. Da haben sie sich
gerade an ihr neues zu Hause gewöhnt und schon werden sie wieder daraus
herausgerissen und müssen sich neu eingewöhnen. Hätte man das Mädchen nicht zum
Beispiel auch nach ihrer Meinung fragen und ihr die Möglichkeit bieten sollen
in dem Kinderdorf zu bleiben?
2.3 Auswirkungen der Lebensgeschichte auf die Kinder
Alle Kinder des Kinderdorfes haben ihre Vergangenheit und sind von dieser auf mehr oder wenig starker Weise geprägt. Dies kann sich sowohl im gesundheitlichen als auch im psychischen Bereich zeigen.
Viele der Kinder kommen unterernährt im Kinderdorf an. Ein
Mädchen das vor kurzem hier angekommen ist hat zum Beispiel fast blonde Haare –
auch ein Zeichen von Unterernährung. Frans, ein zweieinhalbjähriger Junge aus
meinem Haus wurde von seinen Eltern als Säugling und Kleinkind völlig
unzureichend versorgt. Meine Hausmutter hat mir erzählt, dass er, als er vor
einem Jahr hier ankam so schwach war, dass man ihn nicht mal schreien hörte, so
wenig Kraft hatte er. Mittlerweile ist er schon kräftiger, allerdings kämpft er
immer noch mit seinem Untergewicht, das vor allem auf die vielen Parasiten, die
er hat, zurückzuführen ist. Auch kann er kaum reden, er spricht nur in
einzelnen Lauten. Die Ärzte haben gesagt, dass er immer ein wenig geistig
zurückbleiben wird. Diese Behinderung ist ihm nicht angeboren, er hätte ein völlig
gesundes Kind werden können, die Verantwortung dafür tragen allein seine
Eltern.
In ihrem Verhalten geprägt sind vor allem die Kinder, die
als sie in das Kinderdorf kamen schon älter waren. Kinder lernen immer aus dem
was sie sehen, die Eltern und Geschwister sind ihre Vorbilder und sie machen
ganz automatisch das nach, was diese ihnen vormachen, ohne das Gesehene gleich
zu hinterfragen. Viele der Kinder haben in ihrer Vergangenheit erlebt, wie ihre
Eltern oder auch Geschwister geschlagen haben und geschlagen wurden, es hat für
sie zum Alltag mit dazu gehört. Manche haben sogar Vergewaltigungen und
Missbrauche miterleben müssen. Ist es da verwunderlich, dass sie nun im
Kinderdorf auch als erste Lösung bei Problemen aufs Schlagen zurückgreifen? Wie
sollen sie begreifen, dass es nun plötzlich andere Regeln gibt, dass ihr
Verhalten falsch ist?
Oft mussten die Kinder in ihrer alten Familie schon früh
große Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister tragen, da sich die Eltern
nicht um sie gekümmert haben. Die Psychologin hat mir von einem 9jährigem
Jungen berichtet der zu Hause quasi die Vaterrolle für seine jüngeren
Geschwister übernommen hat, sich um sie gekümmert und sie auch bestraft hat.
Dieser Junge behält nun im Kinderdorf dieses Verhalten bei und schlägt zum
Beispiel in der Schule und zu Hause seine jüngeren Kameraden, da er das so aus
seiner Vergangenheit gewohnt ist.
Viele der Kinder, die erst in einem höheren Alter ins
Kinderdorf gekommen sind, haben vor allem auch in der Schule zu kämpfen, sei es
dass sie vorher keine gute Schulbildung genossen haben oder auch einfach weil
sie keine Kontrolle von seitens der Eltern bei den Hausaufgaben hatten, sondern
im Gegenzug ganz sich selbst überlassen waren.
3. Pädagogisches Konzept
Das Ziel des Kinderdorfes ist es Kindern „ein Heim mit dauerhafter Geborgenheit in einer Kinderdorffamilie zu geben, diesen in ihrer Entwicklung zu helfen und sie auf ein späteres selbständiges und gesellschaftliches Leben vorzubereiten, damit die Voraussetzungen auf die Integrierung in die Gesellschaft gewährleistet sind.“[1]
Um dieses bestmöglich erreichen zu können werden die
Kinder bei ihrer Ankunft einem Haus zugeteilt. Dort leben sie bis zu ihrem 15
Lebensjahr mit ihren Hausgeschwistern und ihrer Hausmutter wie in einer Familie
zusammen. Die normale Bezeichnung der Hausmütter ist „Tia“ also Tante, viele
Kinder nennen ihre Hausmutter jedoch auch Mama. Vor allem diejenigen, die schon
von klein auf in dem Kinderdorf leben
erkennen ihr Hausmutter als ihre „wahre“ Mutter an. Die Psychologin des
Kinderdorfes hat mir erzählt, dass sie die Kinder ihre Familie hat zeichnen
lassen und dass der Großteil nicht ihre ehemalige sondern ihre jetzige Kinderdorffamilie
gezeichnet hat. Dies zeigt, dass das angewandte Konzept der Familie wirklich
Erfolg hat. Bei der Zuteilung der Kinder auf die verschiedenen Häuser wird auch
darauf geachtet, dass echte Geschwister zusammenbleiben können und so keine
Familienbande getrennt werden. Wenn man die Kinder fragt wer ihre Geschwister
sind, werden daher auch oft die blutsverwandten Geschwister genannt, vor allem
die Jüngeren sehen jedoch auch schnell die Hausgeschwister als ihre echten
Geschwister an.
Das Leben innerhalb des Kinderdorfes beruht vor allem auf
den von Dr. Hermann Gmeiner formulierten pädagogischen Prinzipien:
·
Die Entwicklung eines realistischen
Selbstwertgefühles
·
Das Erlernen von Solidarität und
Verantwortung
·
Das Verankertsein in einem religiösen Welt-
und Menschenbild
·
Erziehung zur Selbstständigkeit
Vor allem die Religiosität nimmt in der Aldea einen sehr
hohen Stellenwert ein. Das Kinderdorf ist eine kirchliche Einrichtung und der
katholische Glaube gehört mit zum Alltag dazu. In allen Häusern kann man an den
Wänden große Heiligenbilder finden, vor dem Essen werden verschiedene Gebete
gesprochen (in meinem Haus zum Beispiel das Vater Unser, das Mariengebet und
ein individuell formuliertes Dankgebet) und einmal die Woche findet eine Messe
in der Aldea eigenen Kapelle statt.
3.1 Pädagogische Förderung im Haus
Wenn sich in einer normalen Familie Vater und Mutter gemeinsam um die Erziehung ihres Kindes kümmern, ist das im Kinderdorf die Aufgabe der Hausmutter. Sie ist quasi alleinerziehende Mutter, jedoch nicht von, wie in Deutschland normal 1-2 Kindern, sondern von meist 7-10 Kindern unterschiedlichen Alters. Allein diese Tatsache verdeutlicht schon was für eine große Herausforderung die Erziehung für die Hausmütter bedeutet.
Die Kinder lernen von klein auf Verantwortung zu tragen,
sie müssen ihre Wäsche selbständig waschen, beim Kochen helfen und jedem wird
eine Aufgabe im Haushalt zugeteilt, wie zum Beispiel das Putzen der Zimmer oder
das Rechen des Gartens. Jeder muss seinen Teil als Familienmitglied beitragen.
Auch müssen sich die älteren Geschwister mit um die kleineren kümmern. Das
bedeutet, dass sie ihnen zum Beispiel beim Duschen und aufs Klo gehen helfen,
ihnen die Milch zubereiten, mit ihnen spielen, etc. Nach der Mittagspause
beginnt die gemeinsame Hausaufgabenzeit, bei der sich alle Kinder zusammen mit
der Hausmutter an einem großen Tisch versammeln und ihre Aufgaben für die
Schule erledigen. Die Hausmutter ist immer dabei, so dass sich die Kinder bei
Fragen an sie wenden können.
Neben ihren Pflichten haben die Kinder auch viel Zeit zum
Spielen, und oft vermischen sich am Nachmittag auch die verschiedenen Häuser
und es kommen Kinder aus anderen Häusern zu Besuch oder sie versammeln sich auf
dem Sportplatz und den Wiesen.
3.2. Pädagogische Förderung außer Haus
Da die Arbeit mit so vielen, oft sehr schwierigen Kindern
nicht leicht ist, werden die Hausmütter durch eine Psychologin und eine
Sozialarbeiterin unterstützt. Diese machen regelmäßige Rundgänge durch die
Häuser, unterhalten sich mit den Tias, helfen bei Problemfällen und arbeiten
individuell mit den Kindern.
An den Nachmittagen kommen mehrere Lehrer in das
Kinderdorf und bieten Nachhilfeunterricht an. In kleinen Gruppen arbeiten diese
regelmäßig mit den Kindern und unterstützen so auch die Hausmütter.
Dreimal die Woche wird ein Sportprogramm für die Kinder
angeboten, dem Alter nach aufgeteilt. Der Sport hält die ganze Aldea zusammen,
es gibt kaum Kinder, die sich nicht dabei beteiligen und vor allem die vielen
Mannschaftsspiele stärken den Teamgeist, die Begeisterung und den
Durchhaltewillen der Kinder.
Die älteren Mädchen und Jungen helfen auch im Garten mit,
beim Mähen und anschließendem Rechen des Grases und bei all den anderen
Aufgaben die anstehen. Sie lernen dadurch, dass es nicht selbstverständlich ist
ein schönes Heim mit einem ordentlichen Garten zu haben, sondern dass man
selbst dafür verantwortlich ist und sich darum kümmern muss.
3.3 Eigene Einschätzung der pädagogischen Arbeit
Ich denke dass das Konzept zum großen Teil wirklich Erfolg hat und gut funktioniert. Wenn man die verschiedenen Häuser im Kinderdorf besucht hat man wirklich das Gefühl in eine Familie zu kommen – sie ist vielleicht ein wenig größer als man sie aus Deutschland kennt, aber es fühlt sich trotzdem wie eine echte Familie an. Das Geplapper am Mittagstisch, wenn jedes Kind der Hausmutter von seinen Erlebnissen aus der Schule berichten will und alle durcheinander reden, erinnert mich so sehr an meine Schulzeit!
Es gibt jedoch auch einige Probleme, die das „Bild“ der
glücklichen Familie zerstören und die pädagogische Arbeit erschweren.
Im Gegensatz zu echten Eltern, die vor allem wenn die
Kinder noch klein sind, kaum verreisen, haben die Hausmütter jeden Monat vier
freie Tage in denen sie wegfahren können, Freunde und Verwandte besuchen und
Zeit für sich selber haben. In dieser Zeit übernimmt eine Ersatz-Hausmutter die
Verantwortung für das Haus und die Kinder. Vor allem für die kleinen Kinder ist
das oft schwer zu verstehen, wieso „ihre“ Mutter plötzlich einfach verreist und
sie alleine lässt. Auch kennen die Ersatz-Hausmütter die Kinder oftmals nicht
gut, haben Schwierigkeiten mit ihnen zusammen zu arbeiten und die Kinder fallen
wieder in alte Verhaltensweisen zurück.
Ein weiteres Problem ist, dass viele Hausmütter nur für
eine kurze Zeitspanne von zum Beispiel fünf Jahren in der Aldea arbeiten. Das
ist je nach Hausmutter ganz unterschiedlich, es gibt einige Hausmütter in dem
Kinderdorf, die hier schon seit 20 Jahren arbeiten, andere gehen nach 2 Jahren
schon wieder. Wenn eine Hausmutter zurücktritt, wird ihrem Haus eine neue Mutter
zugeteilt. Es gibt Kinder die in der Zeit die sie hier in dem Kinderdorf gelebt
haben, mehr als 5 verschiedene Hausmütter hatten. Ich kann mir gar nicht
vorstellen, wie es für ein Kind sein muss immer wieder eine neue „Mutter“
vorgesetzt zu bekommen, immer mit dem Hintergedanken, dass diese vielleicht
auch wieder geht. Wie kann denn so überhaupt Vertrauen zwischen der Mutter und
dem Kind entstehen, ein Vertrauen das doch die Basis aller Beziehungen sein
sollte? Die Kinder haben ja schon schwierige Vergangenheiten hinter sich und
sollten jetzt eigentlich die Möglichkeit bekommen ein wenig mehr Stabilität,
Liebe und Sicherheit erfahren zu dürfen!
Auch die Sozialarbeiter und Psychologen bleiben meistens
nur für ein Jahr im Kinderdorf und wechseln dann ihre Arbeitsstelle. Die
jetzige Psychologin, die meiner Meinung nach eine wirklich gute Arbeit leistet,
wird zu Ende des Jahres aufhören. Nicht, wie sie beteuert hat, weil ihr die
Arbeit hier nicht gefällt, sondern weil sie neue Arbeitsfelder kennenlernen
möchte und auch aus ökonomischen Gründen.
Es braucht jedoch Zeit, bis sich ein Mensch, der in
seiner Vergangenheit schwierige und schlimme Geschichten erlebt hat, wirklich
einem anderen öffnen kann und ihm sein Vertrauen schenkt. Wenn die
Sozialarbeiter und Psychologen jedoch immer nur für so kurze Zeit bleiben und
keine Stabilität vorhanden ist, wie kann man den Kindern dann effektiv auf
längere Sicht helfen? Jeder Sozialarbeiter und jeder Psychologe arbeitet mit
anderen Methoden und jedes Mal müssen sie wieder von vorne beginnen – kann ihre
Arbeit da wirklich einen dauerhaften Erfolg haben?
Ein anderer Punkt, der das Vertrauensverhältnis und die
Stabilität der Familie belastet, sind die oft so plötzlichen und unerwarteten
Adoptionen. Der Hausmutter wird zwar vorher Bescheid gesagt, dass ihr Kind
adoptiert werden soll, der Zeitpunkt wann dies genau stattfinden soll ist aber meist
noch unklar. Da Adoptionen ein langer Prozess voraus geht kann bis zur
letztendlichen Abholung noch sehr viel Zeit vergehen. Einer Hausmutter wurde
beispielsweise schon vor mittlerweile fast 2 Monaten gesagt, dass der 2 jährige
Junge aus ihrem Haus in wenigen Tagen abgeholt wird. Der Junge ist bis heute
noch hier und jeden Tag muss die Hausmutter aufs Neue bangen und eine
Verabschiedung fürchten. In einem anderen Haus wurde das Baby zu einem
Zeitpunkt von seinen neuen Eltern abgeholt, als die Hausmutter gerade
nicht im Kinderdorf war. Als diese
zurück kam, war das Kind schon fortgebracht worden, ohne dass sie, die sich
fast ein Jahr um das Baby gekümmert hatte und es wie eine echte Mutter umsorgt
hatte, sich davon verabschieden konnte.
Ein anderes Problem ist das fehlende pädagogische
Fachwissen der Hausmütter. Sie müssen hier in der Aldea mit Kindern
zusammenarbeiten, die oftmals sehr schwierig und eigenwillig sind, nicht
gehorchen wollen und oft auch gewaltbereit sind. Um diese richtig erziehen zu
können müssten die Hausmütter Erfahrung in diesem Bereich haben, die meisten
kommen jedoch mit 18/20 Jahren samt eigenem Baby in das Kinderdorf und sind von
ihrer Arbeit völlig überfordert. Dies führt dazu, dass bei Konflikten schnell
Gewalt als einzige Lösung gesehen wird. Fast jede Hausmutter im Kinderdorf
schlägt ihre Kinder, manche weniger andere mehr, bei einigen gibt es nur einen
Klaps auf den Hintern, bei anderen kann die Bestrafung schnell größere Ausmaße
annehmen. Das Problem ist, dass den Hausmüttern kein anderer Weg gezeigt wird
und sie kaum Hilfe bekommen, für sie bedeutet Schlagen als Bestrafungsmethode
die einzige Möglichkeit, die Kinder in den Griff zu bekommen.
Auch ist der Umgang der Hausmütter mit ihren Kindern oft
relativ streng. Wenn man für 10 Kinder die Verantwortung trägt, ist es
natürlich schwierig jedem einzelnen gebührend Aufmerksamkeit und Liebe zu
schenken. Trotzdem finde ich dass die Hausmütter den Kindern gegenüber mehr
Sensibilität, Empathie und Zuneigung zeigen sollten. Kinder brauchen nun mal
das Gefühl geliebt zu werden und wenn sie nur ab und an mal in den Arm genommen
werden. Sie machen Fehler, rennen zu schnell und fallen dann hin – klar, es ist
ihre Schuld dass sie sich verletzt haben, aber sollte man sie nicht trotzdem
erst mal trösten bevor man sie schimpft? Ich habe oft das Gefühl, dass
Mitgefühl und Nachsicht gegenüber dem „Kind sein“ hier nur sehr gering
vorhanden sind.
Ein anderes Problem sind die vielen Aufgaben im Haushalt,
die schon die Kleinsten übernehmen müssen. Manche Kinder haben schon mit vier
Jahren ihre tägliche Pflicht wie, dass sie das Wohnzimmer putzen müssen. Das
ist natürlich in jedem Haus unterschiedlich, doch ab ca. 7 Jahren muss jedes
Kind mithelfen, genauso wie es selbständig seine Wäsche waschen müssen. Es
hilft ihnen Pflichtbewusstsein zu entwickeln und ein Gefühl für Verantwortung
zu bekommen, doch trotzdem frage ich mich, ob sie nicht eigentlich noch zu jung
dafür sind. Inwieweit kann man bei diesen Kindern denn noch von einer
„unbeschwerten Kindheit“ reden? Sie müssen schon in so jungem Alter so viele
„Erwachsenenaufgaben“ übernehmen – dabei sollten sie sich doch austoben,
spielen und einfach ein Kind sein dürfen!
3.4 Verbesserungsvorschläge
Ich denke das wichtigste wäre den Hausmüttern die Möglichkeit zu geben Fortbildungen auf pädagogischer Ebene zu machen, um ihnen so Hilfestellungen und Lösungsansätze für die Erziehung aufzuzeigen. Ich weiß, dass dies früher schon einmal angeboten wurde, aufgrund von Geldproblemen jedoch nicht fortgeführt wurde. Meiner Meinung nach ist es jedoch wichtig, dafür Geld auszugeben, da solche Fortbildungen sowohl den Hausmüttern als auch den Kindern zu Gute kommen würden!
Eine der Hilfslehrerinnen hat auch vorgeschlagen, dass
man den Hausmüttern die Möglichkeit bieten sollte, neben ihrer Arbeit im
Kinderdorf Pädagogik zu studieren. Man müsste dafür einen Vertrag mit einem
Professor der Universität schließen, der gegen ein wenig Geld an den
Wochenenden ins Kinderdorf kommen würde und ihnen dort einige Stunden
Unterricht geben würde. Der Rest wäre selbständiges Lernen im Haus. Dieses Studium
würde nicht nur den Hausmüttern helfen und ihnen eine Zukunftsperspektive geben,
sondern vor allem auch den Kindern zu Gute kommen, denen die Hausmutter beim
Lernen das beste Beispiel wäre. Auch könnten sie das im Studium erlernte Wissen
direkt bei der Erziehung der Kinder anwenden. Ich weiß nicht, ob dies zu
verwirklichen wäre, allerdings gibt es zum Beispiel zurzeit eine Hausmutter,
die nebenher studiert, es ist also anscheinend vom Lernpensum her möglich.
Um dafür zu sorgen, dass die Sozialarbeiter und
Psychologen nicht nur immer für ein Jahr sondern für längere Zeit im Kinderdorf
arbeiten und so die Effektivität ihrer Arbeit erhöht würde, wäre es wichtig
ihre Stelle attraktiver zu gestalten und ihnen ein höheres Gehalt zuzusichern.
Ich glaube nicht, dass sie so viel im Kinderdorf verdienen und viele von ihnen
haben nebenbei noch eine Familie zu versorgen.
4. Schluss
In meinem Jahr hier in dem
Kinderdorf habe ich viel von dem Leben innerhalb einer Kinderdorf-Familie
mitbekommen, habe seine guten und seine schlechten Seiten kennengelernt. Und
immer wieder ertappe ich mich dabei das Leben der Kinder hier mit meiner Kindheit
zu vergleichen. Ich glaube ich habe erst hier wirklich begriffen wie glücklich
ich mich schätzen kann, dass ich in Deutschland und in einer funktionierenden und
liebenden Familie aufwachsen durfte. Es gibt so viele Kinder auf der Welt denen
dieses Privileg versagt ist!
Ich habe in meinem Jahr auch gemerkt, wie sehr ich mir
wünsche diesen Kindern helfen zu können, zu verstehen warum sie bestimmte Dinge
tun und bestimmte Verhaltensweisen zeigen. Es gibt keine „guten“ und keine
„bösen“ Kinder, allen Verhaltensweisen sind bestimmte Ursachen zugrunde gelegt,
die dazu führen dass ein Kind so handelt wie es handelt.
Deshalb habe ich auch beschlossen nach diesem Jahr
Psychologie zu studieren. Ich hoffe, dass ich dabei auf einige der Fragen, die
ich im Laufe des Jahres gesammelt habe, eine Antwort bekommen werde!
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